Die Kraft des Sehens

Die-Kraft-des-Sehens

Fotografie in der Natur ist Leidenschaft, Emotion und Erlebnis. Das haben bereits viele Fotografen erfahren. Was aber noch möglich ist bleibt meist zu wenig beachtet. Viele Fotografen fühlen es, schreiben darüber, weisen darauf hin, und trotzdem ist es ihnen nur in seltenen Fällen wirklich bewusst. Fotografie bietet nicht nur die Möglichkeit, das Außen abzulichten, nein, es bietet auch die Möglichkeit das Innere eines Menschen zu beleuchten. Meine Intension ist es nicht neue spirituelle Weisheiten zu entwickeln, es geht mir darum bestehendes geistiges Wissen mit den technischen Möglichkeiten der Fotografie sowie den heutigen menschlichen Grundsätzen zu kombinieren und in interdisziplinärer Form anzuwenden. Dadurch ergibt sich eine wunderbare Möglichkeit, Bewusstheit und Hingabe in allen Bereichen unseres Lebens einzugliedern, durch das allgemeine Anwenden der Art und Weise, wie man in der Natur fotografiert. Es ist die Hingabe an dem was gerade ist, es ist der einzige Moment in dem wir leben.

Das Jetzt.

Die Methode der GehzeitRuhezeitKreativzeitEmotionszeit basiert auf einer einfachen Tatsache. Bewege Dich im Fluss des Lebens. Bewegen – Ruhen – Gestalten – Fühlen. Das So-Sein des Lebens arrangiert sich innerhalb dieser, dem Menschen so wohltuenden Bereiche, die ein Gleichgewicht in uns erschaffen.

Fotografie ist für mich zu einer zeitlosen Meditationsform geworden. Sie schult die Achtsamkeit, befreit von Ängsten und hilft, erfolgreicher und kraftvoller zu sein. Denn dabei wird ein wichtiger Aspekt berücksichtigt. Alle Kraft kommt nur von innen. Diese Kraft können wir uns durch Hingabe bewusstmachen und sie in den Alltag übertragen. Und das mittels eines einfachen Trainings, das richtig Spaß macht:

Der Fotografie und der daraus resultierenden Kraft des Sehens!
 

Zu diesem Thema habe ich am 06.01.2016 im Magazin Bergwelten einen Artikel veröffentlicht. Bergfotografie: Über die Kraft des Sehens.
Es zeigt ein wenig meine Philosophie der Fotografie. Bildlich und Textlich. Der vollständige Text zu diesem Artikel ist hier darunter dargestellt.

 

Bergfotografie: Über Die Kraft des Sehens

Ich stehe ganz allein am Gipfel, es ist bereits 21:00 Uhr, rund um mich herum ist absolute Stille, nur ein leichter Wind bläst von Norden herein. Hinter mir liegt ein unvergesslicher Sonnenuntergang, und vor kurzem ist die Sonne hinter dem Horizont verschwunden. Und zugleich auch 99,9 % aller Menschen, die eben noch am Gipfel standen. Deshalb bin ich alleine. Und ich genieße es, denn eigentlich fängt ja jetzt erst der besonders schöne Teil des Abends an. Irgendwie enttäuscht es mich ein bisschen, dass dies den bereits abgestiegenen Menschen nicht bewusst zu sein scheint. Aber ich vergesse das wieder und richte meine Aufmerksamkeit auf das was nun kommt. Ich sehe und fühle. Ich schaue ohne zu denken. Es ist fantastisch!

So habe ich es bereits viele Male erlebt. Allein am Gipfel, kaum Schlaf, aber glücklich und zufrieden bis zum nächsten Morgen. Die Zeit am Berg bietet so viel an besonderen Erlebnissen und Erfahrungen, vorausgesetzt das Wetter spielt dabei mit und man ist gewillt hinzusehen und zu verweilen. Die goldene Stunde am Abend ist wahrlich ein besonderer Moment des Tages. Wenn man Glück hat erlebt man darauf die Rosa Stunde, auch Venusgürtel oder Venusband genannt. Sie zeigt die Tag-Nacht Grenze in der Atmosphäre in einem wunderbaren rosa-orangen Licht. Dieser folgt die blaue Stunde, welche die Umgebung mit ihrem besonderen, bläulich-kalten Licht in sichtbare Stille verwandelt. Und genau jetzt bleibt man sitzen um zu beobachten, denn während das Licht immer mehr verblasst, kommen nach und nach die Sterne heraus und wenn es klar genug ist bzw. wenn die richtige Jahreszeit vorherrscht, kann man sogar die Milchstraße mit freiem Auge bewundern. Die ganze Nacht lang. Bewusst und in aller Stille. Stille, ja genau das meine ich. Diese Stille ist ein Segen und wer genau hinzuschauen vermag erkennt dabei eine ganz besondere Möglichkeit.

Von was für einer Möglichkeit spreche ich? Vor allem Fotografen sind ja oft „gezwungen“ genau hinzuschauen, wobei sich in solch einem besonderen Moment die Fotografie nicht vorwiegend nach gestalterischen Maßstäben und proportionaler Exaktheit aufzwingt, sondern viel mehr die menschlichen Maßstäbe in den Vordergrund rücken. Es ist genau das was uns antreibt in die Berge zu gehen. Begeisterung, Freude, Emotion, Enthusiasmus. Wie wäre es, wenn man sich mit der Kamera auf den Weg macht ohne den Drang zu haben, ein besonderes Bild machen zu müssen? Wie wäre es, wenn der gesamte Prozess des Gehens, des Wahrnehmens, des Fotografierens und der erlebten Emotion zusammenspielt und man sich dessen selbst, als Bergsteiger und Fotograf, Bewusst wird? Ist es befreiend, wenn man bewusst schaut ohne zu benennen oder zu beurteilen? Ja, es ist ein Segen, denn dann geschieht Fotografie in einer wunderbaren Form! Dann werden deine Bilder ganz fantastisch. Für Dich! Und sie berühren uns im Nachhinein immer wieder. Es geht hier nicht um die technischen Aspekte der Fotografie. Diese sind zwar spannend aber nur das Werkzeug um die Emotion, das Erlebte, die Begeisterung einzufangen, sie bewusst zu machen und zu konservieren. Eine Begeisterung, die einen selbst ungemein beruhigt, den Menschen im Jetzt verweilen und Vergangenheit und Zukunft vergessen lässt. Dort, in diesem Moment, bei diesem Panorama findet man zu sich selbst. Man wird präsent. Dieser Moment ist heilig und er darf ohne Einschränkung ganz tief genossen werden. Allein in der Natur!

Was aber macht man um so einen Moment bewusst erleben zu können? Es ist ganz einfach! Vor allem eines ist dabei ganz wichtig. Sich Zeit zu lassen! Das war’s. In einer hektischen Welt, die von Stress, Erfolgsdrang und vielen anderen belastenden Aspekten geprägt ist, hat der Mensch offensichtlich verlernt sich Zeit zu lassen. Er hetzt von einem Ort zum anderen, arbeitet weit über seine Leistungsgrenze hinaus und versucht zudem auch noch sich selbst durch irgendwelche fragwürdigen Idealvorstellungen unter Druck zu setzen. Viele versuchen das oft selbst aufgezwungene Leistungsspektrum durch sportliche Betätigung auszugleichen. Und das ist auch gut so. Aber! Der sportliche Ausgleich beruht leider auch oft auf der Tatsache von extremer Leistung. Leistung, die natürlich auch zu beeindrucken vermag, wie es uns Spitzensportler tagtäglich vorführen. Aber wichtig beim Ausgleich ist nicht nur körperliche Anstrengung, sondern vor allem auch mentale Entspannung. Es ist das Gleichgewicht das fehlt. Und dazu liefert uns die Schönheit der Berge die Nahrung, die wir uns durch die Fotografie bewusstmachen können. Sie lehrt uns still zu sein und sich Zeit zu lassen.

Wie geht man dabei am besten vor? Deine Motive musst Du Dir erwandern. Körperliche Betätigung führt zu innerer Ruhe. Ich nenne das die ‚Gehzeit‘. Ist man an der Foto-Location angekommen beginnt die ‚Ruhezeit‘. Hier nimmst Du Dir Zeit um zu sehen, zu beobachten und die Natur zu fühlen. Die ‚Kreativzeit‘ sind jene Momente innerhalb der ‚Ruhezeit‘ in denen Du das Jetzt fotografierst. Dabei folgst Du Deinen Gefühlen und lässt Dich faszinieren. Du benutzt (kontrollierst!) Deinen Verstand und nicht er Dich. Die ‚Emotionszeit‘ ist das was nach dem Fotografieren kommt. Du freust Dich, bist begeistert und Enthusiastisch. Du gibst Dich der Natur hin und nimmst die emotionalen Momente mit nach Hause. Sie begleiten Dich immer in Form Deiner Erinnerungen und Deiner Fotos.

Fotografie ist für mich das Bewahren von Zeitpunkten, sie ist Ausdrucksmittel von Erlebnissen und Emotionen, sie erzählt die Geschichten, die ich erlebe, auch jene die ganz still sind und wenig zu sagen haben. Sie ist Bewusstheit, die in Fotos bewahrt wurde, sie lehrt mich zu sehen, präsent zu sein, dankbar zu sein für das was gerade ist. Sie ist im Grunde eine besondere Wahrnehmungs- und Achtsamkeitsschulung, deren Blick sowohl nach Außen als auch nach Innen geht. In besonderen Momenten lehrt uns die Fotografie in uns selbst hinein zu horchen. Was berührt mich da gerade in der Ferne? Was zeigt mir die Natur gerade und wie kann ich diese Information erwidern? Ist es ein Gefühl des Dankes? Ist Leben in mir? Spüre ich eigentlich, dass ich Teil des Ganzen bin? Kann ich sehen ohne darüber nachzudenken? Den Moment fühlen und ganz in mich aufnehmen? Es ist Die-Kraft-des-Sehens die hier zu wirken beginnt, wenn man sich dessen bewusst wird was gerade ist.

Ein Bergsteiger muss nicht unbedingt über die extremste Route auf einen Gipfel steigen. Gut, das ist klar, nicht jeder kann das. Es geht auch nicht darum nur die höchsten Gipfel zu besteigen. Diese Ansicht ist sicherlich auch für viele plausibel. Man muss eigentlich gar keinen Gipfel erklimmen. Das klingt zwar für einen Bergsteiger grotesk, hat aber vor allem beim Fotografieren seine Berechtigung, denn es ist einerseits nicht immer einfach seine schwere Fotoausrüstung über ausgesetzte oder extrem kraftraubende Routen zu transportieren. Andererseits ist es von Vorteil, wenn man sich eine Location sucht, die einen persönlich anspricht und zudem leicht erreichbar ist. Und das muss nicht immer ein Gipfel sein. Schon das Suchen danach ist spannend. Und hier stimmt vor allem der Spruch „weniger ist mehr“. Der Vorteil besteht darin, dass bekannte Gipfel oft überlaufen sein können, du aber an jenen persönlichen Orten sicherlich alleine bleiben wirst. Weniger ist mehr hat aber auch bei der Anzahl der Fotos seine Gültigkeit. Statt 400 nur 40 Fotos zu machen fällt zwar sogar mir immer wieder schwer, denn die Natur ist in allen Richtungen überwältigend, aber unter dem Aspekt sich Zeit zu lassen und bewusst zu werden, ist es eine gute Übung für einen selbst, sich einzuschränken und seine Aufmerksamkeit auf das eine was ist zu richten und dabei das andere, was man sich vorstellt, los zu lassen. Es ist eine visuelle Übung auf den einen individuellen Punkt in der Natur zu achten. Dazu gehört das Loslassen. Und damit meine ich das Loslassen von Gedanken, Ängsten, Sorgen und anderem, das Dich belastet und die Du an diesen Ort mitgenommen hast. Hier kannst du das was dich belastet abgeben! Und es wird Dir auch abgenommen. Diese Übung zielt genau auf den einen Punkt ab in dem wir uns alle befinden. Dem Jetzt. Rückhaltlose Annahme von allem was ist. Im Außen und im Innen. Die Annahme aller Probleme und Sorgen in genau dem Moment in dem wir dieses besondere Panorama erleben dürfen. Es ist Hingabe und Loslassen von allem was wir nicht brauchen. Die Natur der Berge bietet hier so viele Möglichkeiten, sodass sie das einsame Verweilen zu einem ganz besonderen Erlebnis macht. Alleine unter den Sternen. Besser geht’s nicht.

Fotografie ist dokumentierte Emotion. Sie ist für mich zu einer Form von zeitloser Meditation geworden und konserviert das was man erlebt und fühlt. Eine Methode, die vor allem eines Schult, selbst präsent zu sein, mit seinem gesamten Körper, genauso wie es die Berge tun. Und so gehe ich weiterhin in die Berge, auf einfachen Routen, um mir Zeit zu lassen und das Besondere im Außen und Innen zu spüren. Und ich fotografiere weiter, zu besonderen Zeiten an besonderen Orten um besonderes zu erleben und zu erfühlen. Alleine oder bei meinen Workshops, denn ich teile meine Methode gerne mit jenen, die diese Erfahrung auch erleben wollen. Auf der Bühne für diese Erfahrungen: die wunderbare Natur der Berge.