Die Kraft des Sehens – Die Ruhezeit

Lerne zu beobachten und zu sehen.
Lass Dir Zeit. Werde Still.
Fühle die Natur. Sei Präsent.

 

Nach der Gehzeit folgt die Ruhezeit, eine weitere innere Vorbereitung auf das Fotografieren.

Für eine genaue Erklärung, was denn die Ruhezeit ist, möchte ich mit einem wunderschönen Zitat von Eckhart Tolle beginnen.

Benutze Deine Sinne. Sei völlig da, wo Du bist. Schau Dich um. Schau nur, interpretiere nicht. Sieh das Licht, sieh Konturen, Farben, Materialien. Sei Dir der stillen Gegenwart aller Dinge bewusst. Sei Dir des Raumes bewusst, der es allem ermöglicht, hier zu sein. Höre die Geräusche, beurteile sie nicht. Höre die Stille, die die Geräusche umgibt. Berühre etwas – irgendwas – und fühle und bestätige sein Dasein. Beobachte den Rhythmus Deines Atems; fühle die Luft ein- und ausströmen, fühle die Lebensenergie in Deinem Körper. Erlaube allem zu sein, innen und außen. Erlaube das „So-Sein“ aller Dinge. Bewege Dich tief ins Jetzt hinein.

In Momenten in denen man seine Sinne benutzt werden ganz besondere persönliche Erfahrungen möglich. Diese einfachen Urinstinkte, die wir allzu oft vergessen, manchmal sogar irgendwie verloren haben, erlauben uns ein urteilsloses Beobachten. In solchen Momenten können wir wieder wir selbst sein. Alles sein lassen so wie es ist. Das ist die zeitlose Meditation von der ich spreche. Alles ist jetzt. Es ist die besondere Möglichkeit präsent zu werden, still zu sein und zu zuhören. Auf die Stille hören, im Außen und im Innen.

Präsenz kann man von den Bergen lernen. Sie stehen fest und unerschütterlich, trotzen allen Natureinflüssen und machen daraus keinerlei Probleme. Man kann eigentlich auch sagen, dass die Berge selbst das beste Beispiel für die Ruhezeit sind. Sie nehmen ohne Hinterfragen jede Witterung, jedes geologische Ereignis und sogar die Eingriffe des Menschen in Stille an, wie alles in der Natur.

Stille, ja, das ist genau das was ich meine. Stille ist ein universelles Prinzip, das wir in besonderem Maße zum Beispiel unter den Sternen erfahren können. Alles in der Natur erweckt den Eindruck still zu stehen, aber in Wirklichkeit ist alles in Bewegung. Schauen wir zu den Sternen haben wir den Eindruck sie stehen regungslos über uns, aber, wenn man genau hinsieht, bewegen sie sich durch die Erdrotation langsam über den Nachthimmel. Genauso kurios ist die Tatsache, dass es eigentlich gar keinen Sonnenauf- und Sonnenuntergang gibt, dass dies nur ein, zugegebenermaßen wunderschönes Ereignis aus unserem eingeschränkten Blickwinkel ist. Hoch über der Oberfläche der Erde im Weltraum geht keine Sonne auf oder unter. Im Gegenteil, sie leuchtet ununterbrochen im Angesicht der Erde. Still zu werden und sich dessen Bewusst zu werden kann so zum Zeitpunkt eines Sonnenuntergangs eine berührende Erfahrung werden. Nämlich dann, wenn einem klar wird, dass wir Teil dieses Ganzen sind. Genauso wie Dinge, die wir nicht sehen oder auch nicht begreifen können, die aber trotzdem da sind, wie zum Beispiel ein Atom oder die riesigen Entfernungen im Weltall. Alles Bestandteile der Natur. Stille ist Weite, Stille ist Raum, der voll mit Informationen ist.

Die Ruhezeit führt uns hierbei zu etwas Besonderem hin, etwas, dass, so scheint es, in den meisten Menschen ganz und gar unbekannt ist. Auf eine Dimension, die im Verborgenen liegt, ein Universum das nicht sichtbar ist, das aber trotzdem da ist. Die Welt des Formlosen, anders gesagt die Welt des Objektlosen (Anm.: nach Tolle) oder noch anders ausgedrückt auf unser inneres Dasein. Es geht in der Ruhezeit um den Blick nach innen!

Um sich über die innere Welt ein andersartiges Bild zu machen, hier ein, im ersten Augenblick vielleicht kurioses Beispiel, das sich aber, wenn man darüber ein bisschen nachdenkt, als gar nicht so kurios, sondern als fast unfassbar darstellt. (Aus einem Interview mit dem deutschen Biologen, Physiker und Quantenphilosophen Dr. Ulrich Warnke) Es ist bemerkenswert, wenn man die Dimensionen der kleinsten Teilchen, des Atoms ergründet und sie in Relation zu unserer sichtbaren Welt setzt. Nimmt man zum Beispiel einen Atomkern und stellt ihn sich in der Größe eines Medizinballs vor, dann ist das ihm umkreisende Elektron etwa 10 km davon entfernt. Oder anders ausgedrückt, wenn ein Atomkern die Größe eine Reiskorns hätte, umfasst das ihn umkreisende Elektron etwa die Ausmaße des Olympiastadiums in München. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass das Atom nur aus etwa 0,001 % Materie beziehungsweise aus 99,999% Nichts besteht.

Im Buddhismus, dem Herz-Sutra des Mahayana (Prajnaparamita-Hridaya-Sutra), wird dies als Leere bezeichnet, genauer gesagt im Kernzitat des Sutras:
„Form ist Leerheit und Leerheit ist Form“.

Daraus ergeben sich die einfachen Fragen: Und aus was bestehen wir Menschen? Aus was besteht alles im Universum? Aus Atomen, Photonen, Gluonen, Quarks. Das würde ja heißen, dass wir selbst aus 99,99% Nichts, also Leere, bestehen. Aber keiner – außer Physiker und Wissenschaftler – achtet darauf, weil das auch nicht zum Allgemeinwissen gehört, denn wir sehen es ja gar nicht. Wir sehen nur die Welt der Objekte, „Die Schlacke der Gedanken“ wie Sie Dr. Warnke nannte. Und genau dieses Nichts, diese Leere, ist für mich so interessant. Es ist deshalb so interessant, weil die Quantenphysik nun zu erklären beginnt, was dieses Nichts ist. Ich bin kein Physiker, aber ich weiß aus der Literatur, dass sich diese Leere aus Energie, aus Botenträgern zusammensetzt, die das Atom zusammenhält oder Information z.B. per Licht transportiert. Es ist Energie die formt, unsere Welt der Objekte formt, wie Gedanken unser Gehirn formen, unsere Arme bewegen lassen oder eben auch die menschliche Funktion der Wahrnehmung steuert.

Es ist die Leere, welche die sichtbaren Objekte erschafft, daher ist es von Vorteil für unser inneres Gleichgewicht, das wir uns dieser Leere bewusst werden. Sie ist in uns. Leere ist nicht der Gedanke oder das Gefühl, Leere ist die Energie die dahintersteckt, wenn wir die Welt der Objekte sehen und beurteilen. Diese Energie speist unsere Gedanken. Um glücklicher und zufriedener zu werden besteht also die Möglichkeit die Energie und Information von Freude, Liebe und Zuversicht einzusetzen und dazu zu verwenden, um positive Gedanken zu erschaffen und dadurch unsere Welt zu formen. Diese Energie entsteht in Stille, in äußerer und innerer Stille. In der Ruhezeit, formen wir also bewusst unseren Verstand und nicht er uns.

„Wir sind das was wir denken. Alles was wir sind, entsteht durch unsere Gedanken. Mit unseren Gedanken erschaffen wir die Welt.“
Auszug aus dem Dhammapada, den Aussprüchen des Buddha.

Emotionen sind der körperliche Ausdruck von Gedanken, und wenn wir es nicht schaffen unsere Gedanken zu beobachten oder zu kontrollieren, dann können wir die Emotionen in unserem Köper beobachten indem wir sie fühlen. Wir fühlen sozusagen die Energie der Gedanken. Die so entstandene Aufmerksamkeit ist gleich Gegenwärtigkeit und somit der Schlüssel für die Auflösung negativer Gedankengänge. Wir stellen uns damit unseren Gedanken und Ängsten, aber nicht in einem grauen Raum, nein, wir tun dies in der wunderbaren Natur der Berge. Und genau aus diesem Grund beobachten wir das Außen, die Schönheit der Natur, nicht nur mit dem menschlichen Auge. Wir beobachten sie mit unserem ganzen Körper, mit jeder Zelle unseres Daseins! Wir beobachten es mit unserer eigenen inneren „Leerheit“ um uns „aufzuladen“ und die positive Energie, die dahinter steckt, für uns zu nutzen. Dieser Energie ist Stille und dieser Moment der Stille ist Heilig und darf ganz tief genossen werden. Es ist eine Wahrnehmungsübung, die sich als geistige Übung, in der Form einer einfachen Meditation, ereignet. Beobachte dein Inneres, dann erkennst du auch Dein Äußeres. Dadurch wirst du präsent!

Dieses Erlebnis mit uns selbst bringt uns weiter, es lässt Dich Deine innere und äußere Natur bewusst erfahren. Und um diese Erfahrung auszudrücken bedienen wir uns nun der Fotografie in der Kreativzeit, der Zeit indem Du das Jetzt erfasst und fotografierst!

<< GehzeitKreativzeit >>