Spiritualität

Oft wird Spiritualität als etwas Ungewöhnliches, Absonderliches und sogar Übersinnliches bezeichnet. Eine Beurteilung, die dem Wesen dieser Handlung etwas negatives überstülpt, eine Ablehnung erzeugt, um sich gar nicht mit diesem Thema zu befassen. Dabei wäre es für viele Menschen so wichtig sich damit auseinanderzusetzen, damit es ihnen ganzheitlich besser geht, damit sich der Mensch ändern kann, sich weiterentwickelt und so seine Lasten von den Schultern nehmen kann.

Was ist mit Spiritualität eigentlich gemeint? Spiritualität ist nicht Religion. Nach Wahrig wird Spiritualität als ‚Geistigkeit‘ bezeichnet, also einer Haltung, die auf Geistiges aller Art ausgerichtet ist. Wie etwa die Ausrichtung des Lebens auf die Erfahrung einer höheren Wirklichkeit, der Verbindung zur Transzendenz, der sogenannten Einheit von allem. Es geht um den Ursprung von uns selbst und unserer Verbindung zum Universellen.

Warum ist Spiritualität so wichtig für den Menschen? In der heutigen Zeit ist der Mensch sehr stark in der materiellen Welt verankert. Vieles im Leben hängt davon ab, was man besitzt, wie viel man besitzt und was man bereits erreicht hat. Vor allem der Besitz von Geld und Wertgegenständen ist ein wichtiger Faktor sich selbst zu schützen. Aber zu schützen vor was? Im Allgemeinen ist dies die Angst vor Verlust, die sich bei genauerem studieren als die tief sitzende Angst vor dem eigenen Tod, vor dem Sterben der eigenen Identität (nach Eckhard Tolle und Brandon Bays) darstellt. Verlust ist Sterben. Gewinn ist Leben. Da dieses Verlangen nach Besitz aber kaum gestillt werden kann, kommt es beim Verhaften in der materiellen Welt dazu, immer mehr haben zu wollen, immer mehr besitzen zu müssen, um diese Angst weiterhin nieder zu halten. Es ist quasi die vom Verstand hervorgerufene Behandlung der Auswirkung des Problems, aber nicht die tiefgehende Befreiung von der Ursache. Bei diesem Vorgehen, der alleinigen Verankerung in der materiellen Welt, wird völlig auf die innere Welt des Menschen vergessen. Auf die Welt des Objektlosen (nach Eckhard Tolle), die Welt der Gefühle, unserem Inneren selbst.

Das Wesen des Menschen ist mit einfachen Sinnen ausgestattet, die vor allem eines können: fühlen. Gefühle bewusst zu erfahren ist ein wichtiger Aspekt sich selbst besser kennen zu lernen. Gefühle zu erfahren bedeutet aber auch sich selbst weiterzuentwickeln. Eine Form der Weiterentwicklung kann Kreativität sein, zum Beispiel die Begeisterung für das Erschaffen von Kunstobjekten, wie etwa das digitale Foto. Es ist der schöpferische Geist, die Energie der formlosen Welt des Menschen, die Kreativität erzeugen, indem man Begeisterung und Enthusiasmus für das fühlt, was man gerade tut. Diese Gefühle erzeugen ein Gleichgewicht zwischen Innen und Außen, zwischen der objektlosen Welt und der materiellen Welt, das wichtig ist, um glücklich, zufrieden und gesund zu sein und dies auch zu bleiben. Daher sollte sich der Mensch nach meiner Vorstellung auch mit Spiritualität befassen, mit dem Wesen seiner Gefühle, seiner inneren Energien, die seine Gedanken beeinflussen und damit auch seine äußere Welt formen.

Spiritualität sind keine Dogmen auferlegt. Sie dient nicht dazu andere Menschen zu kontrollieren. Spiritualität ist vor allem für das bewusste Gestalten des eigenen Lebens, der Aufrechterhaltung des menschlichen Gleichgewichts, wichtig, um Erfahrungen, die in der Welt der Objekte gemacht werden, verarbeiten zu können und innerlich beweglich zu bleiben.

Wie wende ich Spiritualität in der Fotografie an? Es gibt hier unterschiedliche Vorgehensweisen. Zum einen gibt es Fotografen, die sich ihre eigene Philosophie zu diesem Thema erarbeitet haben. Als einen dieser Fotografen etwa bezeichne ich mich selbst. Eine andere, sehr bekannte Methode, ist die Kunst der ZEN-Fotografie. In der ZEN-Fotokunst dominiert die Absichtslosigkeit und das Nicht-Anhaften an äußeren Dingen, die auf den Lehren des ZEN-Buddhismus gründen. Die Kernaussage ist „Werde still, Ende dein Denken, sei gewahr.“ Es herrscht dabei eine Absichtslosigkeit, die ich gerne mit „Sehen, ohne zu denken“ beschreibe. Eckhard Tolle beschreibt es in sehr poetischen Worten, wenn er schreibt: „Höre die Geräusche, beurteile sie nicht, höre die Stille, die die Geräusche umgibt.“ Nach meiner Interpretation bedeutet Still zu werden, seine Sinne bewusst einzusetzen und die Informationen daraus nur zu fühlen aber nicht zu beurteilen. Das heißt nicht darüber nachzudenken. Es ist das Annehmen was in dem einzigen Moment, in dem wir leben, passiert: dem Jetzt. Daher ist das Bewusstwerden aller Dinge im Jetzt, das Erlangen von Gegenwärtigkeit, jene Achtsamkeits- und Wahrnehmungsübung, die als eine zeitlose Mediationsform in der Fotografie praktiziert werden kann. Auch Freude und Spaß sind Gefühle und auch diese dürfen wir in diesem Moment, an diesem Ort, bei diesem Panorama voll und ganz genießen. Dadurch erfahren wir, dass wir ein Teil von allem sind. Wir werden präsent und wir lernen dies aus der Beobachtung der wunderschönen Natur der Berge.

Präsenz ermöglicht ein weiteres spirituelles Vorgehen, nämlich das Loslassen von Dingen, Gedanken und Sorgen, die wir in uns tragen und zu diesem wunderbaren Ort mitgenommen haben. Die Übung besteht darin, dass wir diese Dinge an die Natur abgeben und dies auch dürfen. Wir müssen nicht darüber nachdenken wie das funktioniert. Der Verstand kann das nicht erfassen. Wir tun es einfach, wir fühlen das Loslassen. Wir lassen quasi alles dort was wir nicht brauchen und die Natur nimmt es auf und wandelt es um, wie auch wir uns erneuern, indem wir durch diesen inneren Prozess die Kraft des Sehens nutzen und so unsere Gedanken ins positive verändern. Dadurch formen wir unsere Welt, unser Jetzt. Freude, Begeisterung, das Gefühl von Leichtigkeit, der Gedanke „es abzuschließen“ ist ein kraftvoller spiritueller Akt, der im Beisein der Schönheit der Natur praktiziert werden kann, denn die Natur hört immer zu, im Stillen, und Stille ist es auch, die dabei in uns entsteht. Es ist Energie in unserem Inneren, die umgewandelt wird, vom Negativen hin ins Positive. Die indigenen Völker dieser Erde, die ich durch mein Studium der Non-European-Architecture (Außereuropäische Baukunst) studieren durfte, praktizierten dieses Wissen um die Kraft der Natur seit tausenden Jahren, was sich in ihrer Baukunst und in den symbolischen Aspekten der Gebäude, sowie in ihren sozialen Strukturen widerspiegelte. Die traditionelle Architektur kann hier sogar als eine Form von historischer Fotografie veranschaulicht werden, als eine Oberfläche, die gesehen und gelesen werden konnte, als ein Transportmedium von Informationen, Geschichten und Emotionen. Das war die Kraft des Sehens, die den alten Völkern zur Verfügung stand und vor allem bewusst war. Diese Kraft hat sich nicht geändert, nur das „wie“ hat sich geändert, indem wir heute zum Beispiel Fotos in allen erdenklichen Medien betrachten aber eben auch selbst fotografieren. Natürlich gilt dieses tiefere Verständnis auch für alle anderen Formen der künstlerischen Betätigung. Denn Architektur, ob modern oder traditionell, ist Kunst. Es ist ein Abbild für die Kunst des Überlebens, die Kunst der Gegenwärtigkeit und die Kunst der Individualität des Menschen.

Da ich mich selbst aber als einen Teil der heutigen, modernen Welt empfinde und damit auch die technischen Errungenschaften und damit die Entwicklung der Menschheit würdige, befürworte ich, Interdisziplinarität in der Fotografie anzuwenden, das heißt Wissen und Weisheit aus unterschiedlichen Disziplinen und Zeiten anzuwenden und zu vereinen. Etwa die Verbindung des geistigen und seelischen Wissens unterschiedlicher Lehren, wie dem Buddhismus und dem Hinduismus, den Prinzipien der Meditation, den visuellen und spirituellen Symboliken der indigenen Architektur dieser Erde, den geistigen Lehren von Eckhart Tolle, Charles F. Haanel, Brandon Bays, Victor Frankl, u.v.a, oder den wunderbaren Schriften des Dalai-Lama. Auch das Erlebnis Musik, die Schönheit der Poesie als Kraft der Literatur sind Quellen für die Pflege von Spiritualität, der Umsetzung spirituellen Handelns in der Fotografie. Zusätzlich bemühe ich mich in der Weiterbildung ganzheitlicher Anwendungsmethoden, wie etwa der Kinesiologie, der systemischen Aufstellungsarbeit, dem Enneagramm, der Quanten-Matrix Methode und weiteren Anwendungen, die auf die ganzheitliche Betrachtung des Menschen, hier vor allem meiner selbst, abzielen.

Wie gesagt, Spiritualität ist keine Religion und daher gibt es keine Dogmen. Die heutige Spiritualität sollte Tradition und Moderne vereinen. Das akzeptieren und würdigen von allem was ist. Wichtige Bereiche aus unterschiedlichen Methoden anwenden, sie kombinieren, gemeinsam einsetzen. Das Gute und das Effektive darin suchen und verstehen. Hierzu gibt es schon viele Meister auf dieser Welt aber auch die Wissenschaft, genauer gesagt die Quantenphysik stößt in Bereiche vor, die mit traditioneller Physik nicht zu erklären sind. Es ist Wissenschaft auf eine Ebene der Energie, dem Transport von Informationen, dem Beeinflussen und Gestalten der äußeren Welt durch unsichtbare, innere Kräfte. Ein sehr spannendes Forschungsfeld.

Es ist richtig, dass der Fotoapparat, also der technische Aspekt in der Fotografie, nur das Werkzeug ist, um ein Foto zu machen und das Fotografie viel mehr als das Foto plus Technik ist. Aber da es bei der Verfolgung eines Ziels immer Wichtig ist, alle einzelnen Schritte zu würdigen, spielt neben der persönlichen Erfahrung, die der Mensch in der Natur macht, auch die Technik eine wichtige Rolle. Mit persönlichen Erfahrung ist das eigene innere Wesen gemeint, die objektlose Welt, nach Tolle auch die formlose Welt genannt. Im Buddhismus wird es als Leere genannt, wie z.B. in der Kernaussage des Herz-Sutra des Mahayana: „Form ist Leerheit und Leerheit ist Form.“ Ich möchte mich nicht alleinig auf die Methode der ZEN-Fotografie reduzieren, denn ich bin kein praktizierender Buddhist. Alleine die Tatsache, dass wir fotografieren ist aus meiner Sicht mit der Absichtslosigkeit, die im ZEN-Buddhismus gelehrt wird, nicht vereinbar, denn die Kamera sowie das Foto ist ein Objekt, an dem der Fotograf anhaftet. Auch wenn keine Absicht besteht ein Foto zu machen, wird dieses trotzdem geschehen und das Resultat betrachtet und meist auch interpretiert. Trotzdem integriere ich Teile aus dieser Lehre in meine Methode zu fotografieren, um auch die Freude an der Technik zu würdigen und sie als Teil des Handelns und dieser Welt zu verstehen.

Spiritualität in der Natur kann in allen der von mir entwickelten vier Fotozeiten | Gehzeit Ruhezeit Kreativzeit Emotionszeit | praktiziert und erfahren werden. Wichtig dabei ist, dass dies in einer bejahenden und wohlwollenden Haltung passiert. Einer positiven Einstellung gegenüber allem was gerade ist. Anstrengung und Entspannung, Konzentration und Ruhe, Disziplin und Freiheit. Alle diese Elemente des menschlichen Charakters sind Teil des Erlebens der Natur und münden in der Anwendung der Fotografie. Es soll daraus kein endloser Plausch in der Gruppe werden, es ist wichtig, dass Spiritualität immer wieder in Einsamkeit praktiziert wird. Alleine in der Natur zu sein erweckt mehr das Gefühl, dass man von dem, dem man gegenübersteht, gehört wird, dass das, was da draußen ist, dir zuhört und dich versteht. Dies ist die Meditation, dies bewirkt die Kraft des Sehens in einem selbst, dies lässt Dein Inneres im Äußeren widerspiegeln. Es verleiht Dir Ruhe und Besonnenheit, Freude an dir selbst und Verständnis für alle anderen. Es ist Bewusstheit, die in Dir entsteht und Dich vor negativen Einflüssen beschützt.

Es ist Spiritualität die Dich befreit.